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„Wenn Not und Gefahr besteht zur Stelle sein“- handschriftliche Protokolle erhellen die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr in Sachsen

Dank einer privaten Leihgabe konnten wir kürzlich das Protokollbuch der Freiwilligen Feuerwehr Pesterwitz aus den 20er und frühen 30er Jahren des 20. Jh. zugänglich machen.

Ein Protokollbuch einer freiwilligen Feuerwehr – was kann da schon Herausragendes zu lesen sein, mag zunächst gedacht werden. Tatsächlich finden sich jedoch viele, für Feuerwehrhistoriker und an der Ortsgeschichte von Pesterwitz Interessierte, aussagekräftige Passagen zur Feuerwehrhistorie von der Gründungsversammlung am 2. September 1921 bis zum 27. Juli 1934. Das Protokollbuch spiegelt darüber hinaus in unzähligen Passagen den „gespalteten Freistaat“ Sachsen in der Weimarer Republik und das reichlich erste Jahr der nationalsozialistischen Diktatur wider, so dass es über Pesterwitz und die Feuerwehrgeschichte hinaus ein aussagekräftiges Dokument zur Geschichte Sachsens der 1920er und 1930er Jahre ist.

Der Blick fällt zunächst auf leere Seiten, 92 bis 102. Hier hätten eigentlich die Protokolle der Sitzungen zwischen dem 31. Oktober 1930 und dem 24. April 1931 enthalten sein müssen. Werden die nächsten Sitzungsprotokolle herangezogen, wird deutlich, da es in dieser Zeit und danach einen politischen Streit um die Feuerwehr gab. Den Hintergrund gibt die, wie es damals hieß, Kurze Anfrage des deutschnationalen Abgeordneten Johannes Siegert vom 9. Juni 1931. Der Aktenvorgang dazu befindet sich im Hauptstaatsarchiv Dresden. Siegert stellte es so dar: Der Pesterwitzer Bürgermeister Paul Hegner lehnte den von der Freiwilligen Feuerwehr Pesterwitz gewählten Feuerwehrchef Alf Hauptmann aus politischen Gründen ab. Der Gemeinderat hatte stattdessen einen nicht mehr zur Wehr gehörigen Feuerwehrmann zum Führer bestimmt. Und der Gemeinderat versuchte, so Siegert weiter, die Pesterwitzer Feuerwehr aufzulösen und eine neue Freiwillige Feuerwehr aus dem SPD-nahen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold zu bilden, was misslang. Die im Protokollbuch enthaltene Sicht wird von der klaren Ablehnung des Bürgermeisters und der SPD seitens der Freiwilligen Feuerwehr dominiert: „In dieser langen Debatte tritt klar in Erscheinung wie ungerecht und partei-fanatisch unter Nichtachtung des Grundgesetzes die S.P.D. Fraktion mit ihren Herrn Bürgermeister Hegner an der Spitze eine Corporation [die Freiwillige Feuerwehr] […] entrechtet und vergewaltigt werden soll.“ Die Pesterwitzer Feuerwehr blieb nach Klärung der Angelegenheit bestehen. Interessant wäre die Sicht der SPD und ihrer Zeitungen darauf – die hier fehlt. In jedem Fall ist es ein ansprechendes, kleineres Forschungsthema.

Der Feuerwehrhauptmann begrüßte übrigens 1933 die Machtübernahme der Nationalsozialisten in der Hoffnung, dass eine „bessere Zukunft für Deutschland“ und auch die Pesterwitzer Feuerwehr anbrechen solle. Die „Gleichschaltung“ ließ nicht lange auf sich warten. In der Sitzung vom 24. November 1933 ermahnte der Feuerwehrhauptmann die Kameraden „zu Befleißigung im Deutschen Gruß [„Hitlergruß“] seitens der Feuerwehrleute“, die demzufolge (noch) nicht alle den Hitlergruß zeigten. Ein Feuerwehrmann sprach die klare Warnung aus, da es vorgekommen sei, „daß junge Kameraden sich unliebsam gegen das neue Deutschland [also das nationalsozialistische Deutschland] ausgesprochen hätten. Für die Zukunft müsse er dies dem Comando melden, und die Folgen dürften den betreffenden wohl bekannt sein.“

"...wenn Not und Gefahr besteht zur Stelle sein" (Zitat S.138)

Die bisher unbekannte Handschrift haben wir nach der Fachmesse für Feuerwehr, Zivil- und Katastrophenschutz „Florian“, bei der wir unsere digitale Kollektion „Feuerwehrgeschichte“ in dem Fachseminar „Feuerwehrhistorik“ vorstellen konnte, zur Digitalisierung von privat ausgeliehen bekommen. Wir freuen uns, dass wir dieses wertvolle Dokument nun allen digital frei zur Verfügung stellen können und danken dem Leihgeber sehr.

Und nicht zuletzt: Wenn Sie ähnliche Quellen haben, die Sie digital veröffentlichen wollen, sprechen Sie uns bitte an. Die Nutzerinnen und Nutzer unserer Bibliothek werden es Ihnen danken, wenn wir auf diesem Wege neue, bisher unbekannte Quellen zur sächsischen Ortsgeschichte präsentieren können.

 

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