SAXORUM, Sächsische Landeskunde, digital

Sächsische Biografie: Biografie des Monats (Juni 2023)

Biografische Spuren des 17. Juni 1953

Große Ereignisse haben Auswirkungen auf die Lebenswege von vielen Menschen. So auch der 17. Juni 1953, als von Berlin ausgehend eine Protestwelle die gesamte DDR erfasste. Aus anfänglich wirtschaftlichen Forderungen wurden an diesem Tag rasch politische Rufe nach freien Wahlen und einer neuen Regierung. Die Ereignisse des 17. Juni spiegeln sich auch in Lebensläufen der Sächsischen Biografie über ganz unterschiedliche Akteure des Volksaufstandes wider. Sei es zum Beispiel der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, dessen 60. Geburtstag eigentlich am 30. Juni in Leipzig groß gefeiert werden sollte, an dessen pompösen Vorbereitungen sich dann aber der Streik in der Messestadt mit entzündete. Oder auch der einflussreiche Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung Paul Fröhlich, dem die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands und die Erteilung des Schießbefehls in Leipzig Ulbrichts Anerkennung verschaffte und ihm den Aufstieg in engeren Machtzirkel der SED ebnete. Ebenso findet sich der 17. Juni in der Biografie des nicht ganz linientreuen Otto Buchwitz, der als ehemaliger Sozialdemokrat und Alterspräsident der DDR-Volkskammer in seiner Heimatstadt Dresden die Arbeiter in den streikenden Werken zu beschwichtigen suchte.

Hervorzuheben sind aber vor allem die für ihre Beteiligung am Volksaufstand verurteilten Personen wie der Kommunist und ehemalige NS-Widerstandskämpfer Wilhelm Grothaus, der im Juni 1953 als Mitglied der Dresdner Streikleitung maßgeblich an der Formulierung der politischen Forderungen beteiligt war. Im Niedersedlitzer Sachsenwerk sprach er direkt nach Otto Buchwitz zu den Arbeitern. Für seine führende Rolle verhaftet, wurde er in einem Schauprozess vom Bezirksgericht am Münchner Platz in Dresden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt – just an jenem Ort, an dem er bereits 1944 von den Nationalsozialisten inhaftiert worden war.

Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, dass sich politische Ereignisse wie der 17. Juni, der sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt, durch die Gegenüberstellung und Kombination individueller Lebensläufe besonders lebensnah erschließen lassen.

(Autoren: Henrik Schwanitz und Frank Metasch)

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